GEMEINSAM STÄRKER – DER GENOSSENSCHAFTSIDEE EINE ZUKUNFT GEBEN Wie kann die Genossenschafsidee junge Menschen aus dem Baltikum und Deutschland zusammenbringen?

(Vorbemerkung: Für die mündliche Präsentation (auf der Deutsch-Baltischen Konferenz 2019 – Brücken bauen – Europas Zukunft migestalten. Riga, 02. - 04. 07. 2019) stehen mir nur 20 Minuten zur Verfügung. Der Vorbereitung und der anschließenden Diskussion dient dieses Memorandum. Es darf und sollte breit gestreut werden. Schauen Sie bitte ergänzend auch auf die Website der “Stiftung Livländische Gemeinnützige”, www.livlaendischegemeinnuetzige.org.

Noch eine Anregung gleich zu Beginn: Da “Bewusstseinsbildung” - in Ost und West – dringend erforderlich ist, sollte an den Aufbau eines “Virtuellen Museums Genossenschaftswesen” gedacht werden.) 

 

● IDEE UND STRUKTUR 

“Die Genossenschaft ist eine Gesellschaft von nicht geschlossener Mitgliederzahl, welche die Beförderung des Erwerbs oder der Wirtschaft ihrer Mitglieder mittels gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes bezweckt.” (§ 1, deutsches Genossenschaftsgesetz, GenG) – ähnlich die früheren Rechtsnormen im Baltikum. Zentraler Punkt ist, dass eine Genossenschaft kein geschlossener “Club” mit Zugangsbeschränkung sein darf.

In der Zwischenkriegszeit wurde in jedem der drei baltischen Staaten das genossenschaftliche staatliche und autonome Regelwerk – auf der Basis des im späten Zarenreich Entstandenen – weiterentwickelt.

In Lettland wurde noch 1937 – also kurz vor dem Ende der Unabhängkeit - das gesamte Genossenschaftsrecht überarbeitet und neu kodifiziert.

Nach der politisch-wirtschaftlichen Wende im Osten im Baltikum wurde (wie auch in den anderen EU-Beitrittskandidatenländern) das bürgerliche und das Wirtschaftsrecht reaktiviert und zugleich modernisiert – mit Ausnahme des Regelwerks für Genossenschaften.

Diese Auslassung ist höchstwahrscheinlich von Interessengruppen gesteuert. Welche es waren und sind und welches ihre Motive waren und sind, bleibt noch zu erkunden. 

Verwandte Einrichtungen: Wirtschaftliche Vereine auf Gegenseitigkeit (= a.G.), insbes. deutsche Versicherungsvereine a.G. und Einrichtungen der Gebietskörperschaften für die Wirtschaftsförderung, vor allem kommunale Sparkassen.

Verirrungen in der Wendezeit: Durch Sondergesetze gestützte, aus Nordamerika stammende “Savings and Loan Associations” werden im Baltikum implantiert (z.B. in Estland: Savings and Loan Associations Act vom 09.02.1999) und in anderen sog. Reformländern. Diese Einrichtungen sollten Selbsthilfe der Ärmsten der Armen, vor allem im Umfeld der ex-Kolchosen, stimulieren. Diese Modalität wurde von marktwirtschaftlich unerfahrenen, oft raschen Profit anstrebenden ehemaligen Kolchos-Führern gern aufgegriffen.

Die meisten dieser vom allgemeinen Markt abgekoppelten Spar- und Darlehensvereine gingen “mangels Masse”, wegen Unzulänglichkeiten im Management und oft auch durch unlautere Aktivitäten der Manager zugrunde. (Näheres s. die bereits eingangs erwähnte Website www.livlaendische-gemeinnuetzige.org).

Neben der im Vorabsatz angesprochenen Fehlentwicklung ist nachfolgend noch von weiterem “Sand im Getriebe” die Rede. Dies alles soll aber nicht abschrecken, sondern, im Gegenteil, dazu anspornen, sich für die nicht zu den Kapitalmächtigen gehörenden Bürger in Ost und West unerläßliche Stütze im Daseinskampf zu engagieren und Verirrungen zurückzudrängen, damit das System funktioniert.

Hierher gehört auch die Perversion der Genossenschaftidee durch Institutionen, die volksnah klingende, werbewirksame Namen – etwa Raiffeisen – nutzen, deren Zweckbestimmung aber mißachten.

(Beispiele: Niederländische Rabobank = Raiffeisen Boerenbank und die österreichischen “Raiffeisenbank International”, letztere heute häufig in Polen und in ehemaligen österreichisch-ungarischen Kronlanden anzutreffen.)

Ähnlich verhält es sich mit der 2018 in Estland entstandenen Unternehmen “coop” - aus dem Zusammenschluss zweier Supermarktketten enstanden - und “coop pank” - eine aus russischem Besitz durch “coop” erworbene allgemeine Geschäftsbank, zuvor als “Krediidipank” firmierend. Die Ladenkette ist weder ein “Konsumverein” in der Hand von Konsumenten (obgleich versucht wird, dies vorzugaukeln), noch eine Genossenschaft selbständiger Ladenbetreiber, sondern ein zentralisiertes Unternehmen in der Hand früherer Manager örtlicher Staats-Läden. Das Logo coop soll – zu Werbezwecken – den Eindruck von Kundenverbundenheit hervorrufen.

Das Genossenschaftswesen erhielt erst vor einigen Jahren von der UNESCO die Auszeichnung “immaterielles Weltkulturerbe”. Wird nicht entschieden der Kampf gegen die Degeneration aufgenommen, verkommt diese Auszeichnung zu einem “Narrenorden”. Die Chance, mit Hilfe der Genossenschaftsidee einem für alle gedeihlichen Europa nahe zu kommen, würde vertan.

 

WAS KÖNNEN GENOSSENSCHAFTEN AN BESONDEREM BIETEN

Service-Angebote für mittelständische Unternehmer (Gewerbe, Landwirtschaft, freie Berufe) Rechnungswesen und amdere Bürger geringen oder mittleren Einkommens:

Einige Beispiele für mögliche Leistungen, die von anderen Unternehmungen nicht oder zumindest nicht so “zielgruppenfreundlich” angeboten werden:

- Beratung in Finanzangelegenheiten (geschäftlich oder privat);
- Rechnungswesen für Gewerbe, Landwirtschaft, freie Berufe;
- Kreditgarantie-Gemeinschaften;
- Zugang zu Förderprogrammen (Nationalstaat und EU);
- Zugang zu Förderprogrammen (Nationalstaat und EU);
- Qualitätskontrolle für den Export in andere EU-Länder oder weltweit, aber auch für den Binnenmarkt;
- Gemeinsamer Einkauf für Gewerbe (Handel, Dienstleistungen, produzierende Unternehmen) und Landwirtschaft, aber auch für nichtgewerbliche Zwecke;
- Marketing für jede Art von Unternehmen;
- Produktabsatz im In- und Ausland für jede Art von Unternehmen;
- Erledigung oder Hilfe beim Erledigen im Bereich öffentliche Abgaben;
- Risiko-Absicherungen (Krankheit, Alter, Invalidität, Begräbniskosten, Schutz des Betriebes und des Heims).

Die Liste ließe sich nahezu unbegrenzt fortführen. Es läßt sich aber schon aus der Aufzählung ableiten, dass überall dort, wo gemeinsames wirtschaftliches Handeln auf Dauer Vorteile gegenüber dem Auftreten als Einzelkämpfer erwarten läßt, eine genossenschaftliche Organisation möglich ist – vorausgesetzt, das nationale Recht ist entsprechend ausgestattet – was im Baltikum noch nicht der Fall ist.

Es kommt aber nicht nur darauf an, “was” angeboten werden kann, sondern auch “wie”, d.h. in welcher Weise, vor allem dem Genossenschafts-Mitglied gegenüber.

Das zeigt sich etwa im Konfliktfall. Kommt es zu Meinungsdifferenzen zwischen der Genossenschaft und ihrem Mitglied, kann Letzterer darauf rechnen, nicht wie irgendein Kunde behandelt zu werden, sondern wie jemand, dem die Genossenschaft (mit)gehört; der Genossenschaftsbedienstete ist quasi sein “Angestellter”; der Genosse ist ihm übergeordnet; sein Anliegen kann nicht einfach zurückgewiesen werden, weil es gegen die Geschäftsinteressen verstößt – wie das bei rein kommerziellen Geschäftsbeziehungen immer wieder vorkommt. Das kann sehr bedeutend sein, vor allem dann, wenn es sich um Geschäftsvorfälle von hohem Streitwert handelt. 

Kenntnis der Wesenselemente des Genossenschaftswesens und überdurchschnittliches professionelles Können sind Grundlagen eines erfolgreichen Neuanfangs.

Zeitgemäßes know-how befindet sich in den Händen etablierter Genossenschaftsverbände im Westen Europas. Sie verfügen auch über Einrichtungen der beruflichen Aus- und Fortbildung. Diese verfügen über enge Verbindungen zu einschlägigen Abteilungen von Hochschulen.

Da die westlichen Genossenschaften eher auf ihre eigenen Wirkungsregionen und bestimmte Personenkreise ausgerichtet sind und weil sie Risiken von Auslandsengagements, vor allem deren Kosten, scheuen, wird es Mühe kosten, die etablierten (deutschen) Genossenschaftler für Mitarbeit beim Aufbauwerk im Baltikum zu gewinnen. Frühere Verbindungen ins östliche Europa sind nicht unbedingt ein überzeugendes Argument für Mitarbeit.

Letztendlich werden sie sich aber nicht endgültig verschließen können. Die Inhaber des spezifischen Wissens und Könnens müssen das Kulturerbe Genossenschaften allen Interessenten auf die eine oder die andere Weise zugängig machen.

 

VERTRAUEN IN GENOSSENSCHAFTEN 

Kennzeichnend für das europäische Genossenschaftswesen ist (einst auch im Baltikum) die hoch entwickelte Selbstbestimmung und – dies ist besonders wichtig und einmalig im Wirtschaftsleben – die in den Krisen der zweiten und dritten Dekade des 20. Jahrhunderts entwickelte unabhängige, strikte Selbstkontrolle, genannt Verbandsprüfung (weil sie in den Händen von genossenschaftlichen Verbänden liegt).

Dies alles blieb im europäischen Westen, allen Umwälzungen zum Trotz, bis heute in Kraft

Die Verbandsprüfung ist das Fundament für Vertrauen, sowohl der Mitglieder, als auch anderer Nutzer von Genossenschaften und letztlich der Staatsgewalt.

Sie überschneidet sich vielfach – etwa bei der Kontrolle von Kreditinstituten und Versicherungen – mit staatlichen Systemen auf diesem Feld.

Nicht zuletzt deshalb gibt es (im Westen) bzw. gab es (im Osten) stets eine vertrauensvolle Abstimmung zwischen den öffentlichen und den autonomen genossenschaftlichen Systemen.

Vielfach ist (bzw. war) die genossenschaftliche Selbstkontrolle effektiver und strikter als die staatliche, weshalb die Staatsorgane regelmäßig auf die Erkenntnisse der Verbandsprüfung zurückgriffen (und dies, etwa in Deutschland, noch heute tun), was einerseits dem Staat die Erledigung seiner Aufgaben erleichtert(e) und andererseits die genossenschaftliche Autonomie stärkt(e).

 

SPANNUNGSFELD MANAGEMENT – WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE 

Das öffentliche Regelwerk des Genossenschaftswesens ist nur ein formales System. Es wird durch das Handeln von Menschen, solchen mit guten, aber auch solchen mit fragwürdigen Absichten, verwirklicht. Gute Lösungen sind ebenso möglich, wie Perversionen und Zerstörungen der Grundidee.

Verirrungen: Fortwirken des nationalsozialistischen Führerprinzips in Deutschland, was seinen Ausdruck im Übergewicht des Management in Ausrichtung und Praxis (deutscher) Genossenschaften findet – zum Nachteil der Mitglieder und anderer Nutzer von Genossenschaften.

In den baltischen Ländern gibt es ein ganzes Bündel von andersartigen Fortwirkungen fremder Machteinwirkungen in der jüngeren Vergangenheit:

Die Nationalsozialisten hatten während ihrer vierjährigen Herrschaft über das Baltikum im Zweiten Weltkrieg völlig anderes im Sinn, als das Rehabilitieren der den deutschen wesensgleichen Genossenschaften nach deren Schließung während der kurzfristigen sowjetischen Dominanz auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes zu Anfang des Zweiten Weltkrieges.

Das “Dritte Reich” wollte alles Althergebrachte durch das ersetzen, was es schon in Deutschland Jahre zuvor erfolgreich auf seine Ziele ausgerichtet hatte.

Als die Sowjets schließlich den Sieg davontrugen, waren die genossenschaftlichen Tradtionen im Baltikum bereits entkernt. Dennoch fürchtete die sowjetische Führung das Wiedererstarken nationaler bürgerlicher Traditionen, also auch des Genossenschaftswesens, und unternahm ihre Ziele sichernde Aktionen.

Für die Sowjetunion war alles, was an den großen Feind Deutschland erinnert, verteufelt. Die deutsch Orientierten wurden als Okkupanten abgestempelt. Das Genossenschaftswesen wurde als unzeitgemäßes, daher abzulehnendes Machtwerk von “Okkupanten” (= Deutsch-Balten) dargestellt.

Alles, was noch an das Frühere erinnerte, wurde restlos ausgetilgt. Selbst Inschriften auf ehemaligen Gebäuden von Genossenschaften wurden – buchstäblich – mit Meissel und Drahtbürste, beseitigt. Das hat zur Folge, dass noch heute die Überzeugung allgegenwärtig ist, so etwas wie Genossenschaftswesen habe es im Baltikum nie gegeben.

Hinzu tritt, dass freie bürgerliche Assoziationen für die Sowjets das fundamentale Gegenteil von dem waren, was sie an die Stelle des Hergebrachten setzen wollten und wofür sie alle ihre Macht einsetzten. Allen, die anderes äußerten, wurden mit der Zerstörung ihrer materiellen, oft auch ihrer physischen, Existenz bedroht. Das ließ anders Denkende völlig verstummen.

Hinzu tritt, dass die Sowjetmacht die staatlich dirigierten Kollektiven – Kolchosen, Sowchosen und Kombinate – als Genossenschaft bezeichneten; in den Endjahren der Sowjetunion gerieten diese Zwangseinrichtungen immer mehr in Verruf; die Wende wurde deshalb auch in diesem Sinne als Befreiung von fremdem Joch empfunden.

Die Kollektiven zerfielen nach der “Wende” rasch. Was aber blieb, ist die Diskredition des Begriffes Genossenschaft, was auch zum Mißerfolg der neuen “Savings and Loan Associations” (s. dazu das Eingangskapitel) beitrug.

Geblieben ist überdies der Ruf nach einer alles gut regelnden staatlichen Autorität, was eigenverantwortlicher 

Gestaltung der Gegenwart und Zukunft blockiert. Die Defizite in der Wirklichkeit der Staatslenkung werden oft bekrittelt, doch die eigentlich naheliegende Konsequenz, das Bürgertum müsse selbst das Ruder ergreifen, ist schwach entwickelt.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass der Wiederaufbau des von den Bürgern getragenen Genossenschaftswesens große Anstrengungen und überzeugendes Wirken über lange Zeit erfordert. Die Heutigen dürfen sich aber dadurch nicht abschrecken lassen, denn sie verteidigen damit neben ihren eigenen Existenzen letztlich die EU insgesamt und damit zugleich alle ihre Bürger und die EU-Institutionen.

 

GESTERN. HEUTE. MORGEN?

Das in der späten Zarenzeit im Baltikum Enstandene, von den nach dem 1. Weltkrieg unabhängig gewordenen Ländern Estland, Lettland, Litauen nach überlieferten Prinzipien (allerdings durchaus mit nationalen Differenzierungen) Fortgeführte war in der Zwischenkriegszeit erfolgreich und sicherte nicht nur die Existenz der Bürger, sondern auch die baltischen Volksgemeinschaften in den damaligen Krisenzeiten (sprich: die Verhinderung der Machtübernahme der Sowjetunion bereits damals).

Ohne Übertreibung kann konstatiert werden, dass die baltischen städtischen und ländlichen Genossenschaften, vor allem in Estland – in Lettland und Litauen mit gewissen Abstrichen – das Rückgrat der erst kurz zuvor errichteten Staatswesen waren.

Trotz aller Auslöschungen können die Traditionen wiederentdeckt und auf ihre Eignung für heute und morgen untersucht werden, denn die Dokumentationen des baltischen Genossenschaftswesens haben alle Katastrophen überdauert.

(Eine Anekdote aus der Zeit des Sieges der Sowjetunion, die ich bei einer Nachforschung in der Bibliothek der Universität Tartu erfuhr: Russische Soldaten waren selbstverständlich auch dort. Ihr Blick fiel auf die Möbel mit den Stichwortkarteien. Doch nicht die Karteien interessierten sie, sondern die Karteikästen. Sie nahmen sie mit, um in ihnen persönliche Habseligkeiten darin aufzubewahren. Die Karteischubladen kippten sie einfach aus. Die fast nicht wiedergutzumachenden Folgen ihres Tuns haben sie natürlich nicht erkannt.)

Die Archive sind noch heute reich bestückt. Allerdings erfordern Nachforschungen Spürsinn, zum einen weil Stichwortkarteien meist fehlen, sondern weil sie dort, wo es sie gibt, die Ordnung immer noch eher den sowjetischen, als westeuropäischen Vorbildern folgt. (Die Namen von Autoren kann man relativ leicht feststellen. Inhaltliches zu ergründen ist sehr schwierig.)

Wer die Hinterlassenschaften bedeutender wissenschaftlicher Einrichtungen (z.B. Die 150 Jahre umfassenden periodischen Dokumentationen der “Livländischen Gemeinnützigen und Ökomischen Sozietät” der Namenspatronin der “Stiftung Livländische Gemeinnützige”) auswerten will, muss zum einen wissen, in welcher Form solche Sammlungen traditionell aufgebaut sind, sondern auch die deutsche Sprache beherrschen – der früheren lingua franca des Baltikums.

 

STADT – LAND – LÄNDLICHER RAUM

Wie überall in Europa, gab und gibt es auch in Deutschland und in der baltischen Region ein Einkommens- und Machtgefälle zwischen Stadt und Land.

Früher bedeutete, vor allem im Baltikum “bäuerliches Leben” meist Abhängigkeit der einfachen Bevölkerung vom Adel und anderen Bevorrechtigten.

Städter hatten von alters her eine Menge von Freiheiten, was ihnen zu einem auskömmlichen, selbstbestimmten Leben verhalf; selbst den Ärmeren dort ging es weit besser als den Bauern.

Das Genossenschaftswesen faßte deshalb, in Deutschland, ebenso wie auch anderswo in Europa, auch in den baltischen Regionen, zunächst in den Städten Fuss und gelangte dort rasch zu Stärke und Einfluss.

In Deutschland gab es auf dem Lande bis zu den Initiativen von Wilhelm Raiffeisen allenfalls karitative Hilfseinrichtungen für die ärmere Bevölkerung.

Raiffeisens Selbsthilfe-Ansätze fanden bei der deutschen Reichsregierung Anklang, weil sie darin ein Bollwerk gegen radikal umstürzlerische Aktionen verzweifelter Landbewohner erkannte. Die Raiffeisen-Genossenschaftsbewegung erhielt deshalb staatliche Absicherung (regulative Systeme; Steuervorteile).

In den baltischen Ländern ging das ländliche Feudalsystem letztlich erst endgültig mit dem Sturz des Zarentums zu Ende.

Zuvor waren die Bauern zwar schon von der Leibeigenschaft befreit worden; das von ihnen bestellte Land mußten sie danach aber immer noch vom Grundherrn pachten, was zur Folge hatte, dass der Pachtzins ohne Berücksichtigung des Ertrages oder des Verlustes der Bauernwirtschaft fällig wurde.

Das erste Land im Baltikum, das nach dem Krieg den Bauern Land ohne Auferlegung von Lasten zur Dauernutzung überliess, war Estland. Eigentümer wurden sie aber nicht; das Eigentum blieb beim Staat.

Den estnischen Bauern wurde dort zwar die Möglichkeit eingeräumt, Land zu günstigen Konditionen zu erwerben; die Leute auf dem Lande blieben aber durchweg weiterhin zu arm, um Geld für Landkauf aufbringen zu können; Hypothekardarlehen kamen nicht infrage, weil sie dafür hätten Eigentümer sein müssen.

Zur Milderung der fortbestehenden ländlichen Armut dekretierte die junge estnische Regierung, dass sämtliche öffentlichen Fördermittel für den ländlichen Raum über Genossenschaftsbanken zu leiten seien.

Auf einem Feld, das bis dahin für die Genossenschaftsidee völlig unfruchtbar war, entstand so in allerkürzester Zeit eine Vielzahl ländlicher Spar- und Darlehenskassen, so dass in Estland, zusammen mit den bereits etablierten städtischen genossenschaftlichen Krediteinrichtungen (des Schulze-Delitzsch-Typs), Unternehmungen dieses Typs bis zum Zweiten Weltkrieg überall anzutreffen waren. 

In Lettland ging die Entwicklung anders vonstatten. Dort fand die Landreform nach dem Ersten Weltkrieg etwas später, als in Estland statt, in einer Zeit, als die Wirtschaft überall in Europa steil bergab ging.

Lettland machte angesichts der Zeitumstände die kleinen Bauern sofort zu Eigentümern. Diese kamen deswegen aber nicht besser voran, als diejenigen in Estland, weil die Wirtschaft insgesamt darniederlag.

Auf dem Lande entstanden kaum Banken des Raiffeisentyps. Alle Genossenschaften und ihre Mitglieder kämpften damals ums Überleben.

Dies führte dazu, dass die lettische Regierung, um die Wirtschaft, vor allem die Landwirtschaft, zu schützen, zur Notmaßnahme eines verordneten Schuldenmoratoriums griff. 

In Litauen gab es in der Zwischenkriegszeit wohl die europaweit modernsten Genossenschaften.

Es waren dies vor allem von alteingesessenen und zugewanderten gebildeten, deutsch sprechenden und sich mit Deutschland verbunden fühlenden Juden aufgebaute Einrichtungen.

Die Auslöschungsaktionen der Nazis traf das Genossenschaftswesen dieses Landes ins Herz.

(Als ich Ende 1999 für einen öffentlichen Auftrag für eine Untersuchung über die Kreditversorgung von baltischen Kleinunternehmen auch in Litauen recherchierte und in Kaunas den im Aufbau befindlichen Verband der Spar- und Darlehensvereine besuchte, wurde mir dort auf meine Frage, warum man nicht die Hinterlassenschaften der jüdischen Genossenschaften auf Geeignetheit für einen Neuanfang nutze, geantwortet, man sei doch froh, diese Leute los zu sein.)

Heute wird das Spannungsfeld Stadt-Land – in Deutschland, ebenso wie im Baltikum - etwas anders als früher aufgefasst. Anstatt „Land“ oder „Landwirtschaft“ spricht man eher von „ländlichem Raum“, womit auch nicht-landwirtschaftliche Aspekte außerhalb der Städte angesprochen werden.

Dies hängt wohl nicht zuletzt mit den Förderprogrammen der EU für den ländlichen Raum zusammen.

 

GENOSSENSCHAFTEN DIENEN

Das Kernelement der Genossenschaften – und damit auch ihrer Angestellten – ist das Dienen, vor allem gegenüber den Mitgliedern.

Nicht die Genossenschafts-Mitarbeiter sind die eigentlichen Herren im Genossenschaftswesen, sondern die Mitglieder (= die Genossen).

Allerdings ist zu beobachten, dass diese Rangordnung im Westen, nicht zuletzt in Deutschland, heute verwischt und teilweise ins Gegenteil umgekehrt ist.

Die meisten Genossenschaftsbediensteten in Deutschland richten – leider - ihre Karriereanliegen, heute vor allem auf der Leitungsebene sehr häufig nicht am Wohl der Zielgruppen aus, sondern am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Genossenschaft. Sie stellen also ihre persönlichen und die institutionellen Anliegen über die derjenigen, für die sie da sind.

(Man geht wohl nicht fehl, auch hier den Grund dafür in der Fortwirkung des nationalsozialistischen Führerprinzips zu suchen.)

Die deutschen Genossenschaftler standen im “Dritten Reich” weitgehend auf der Seite von dessen Führung und profitierten von ihm, in Deutschland selbst und, nicht zuletzt, in den eroberten Gebieten.

(Im Baltikum war die Lage bis zum Zweiten Weltkrieg anders. Um ein Beispiel zu nennen: In Estland gab es zu einer Zeit, als in Deutschland schon alles nationalsozialistisch gleichgeschaltet war, noch drei jüdische Genossenschaftsbanken, eine in Tallinn und zwei weitere in Tartu und Narva.)

Die (westdeutschen) Genossenschaften überdauerten nicht nur unbeschadet das Ende des Nationalsozialismus, sondern wurden danach zu Trägern des Wiederaufbaus und des wirtschaftlichen Erfolges.

Sie gerieten dort dabei keineswegs in Konflikt mit den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, denn sie waren für diese ein willkommener Schutz gegen die Ausbreitung des Sowjetsozialismus.

Eine weitere Ursache für die fragwürdige Entwicklung des deutschen Genossenschaftswesens in jüngerer Zeit ist das fatalistisch-passive Verhalten der Genossenschafts-Mitglieder selbst. Sie geben ihre Steuerungsmacht, durch Nichtmitwirken in den Gremien aus der Hand. Die Genossenschafts-Manager nutzen diese Passsivität gern zum Rückbau der Mitgliedermacht.

Die so bewirkte Verwässerung der genossenschaftlichen Grundideen bewirkt, dass die vom Management beherrschten großen deutschen Genossenschaften, allen voran die mächtigen Genossenschaftsbanken, Großgeschäfte den weniger rentablen und meist kleinteiligeren Engagements mit ihrer eigentlichen Zielgruppe vorziehen.

Es ist für die baltischen Länder, infolge ihrer relativ geringen Einwohnerzahl und der geringen BevölkerungsDichte – das Vorhandensein der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz vorausgesetzt – vorauszusehen, dass eher kleinere, als Massen-Genossenschaften entstehen.

Dieser Umstand macht es wahrscheinlich, dass sich dort direkte Wirtschaftsdemokratie, d.h. die beständige aktive Einwirkung der Mitglieder auf die Entwicklung “ihrer” Genossenschaft leichter umsetzen läßt, als in den großen westeuropäischen Ländern, wo heute mittelbare Wirtschaftsdemokratie vorherrscht, was bedeutet, dass die Mitglieder ihre Rechte auf ihnen meist nicht näher bekannte Vertreter delegieren, wobei noch hinzukommt, dass die entsprechenden Kandidaten durch entscheidenden Einfluss des Management benannt werden – was ein weiteres Element in der Distanz gegenüber den Mitgliedern ist.

 

● KLAFFENDE LÜCKE IM BALTISCHEN GESELLSCHAFTSGEFÜGE 

Die mit der Öffnung der ehemals zum sowjet-sozialistischen Block gehörenden Länder dominant gewordene, weitgehend von Beschränkungen befreite Marktwirtschaft hat die Bürger ohne Geld und ohne “werthaltige” Insider-Beziehungen aus früheren Zeiten schutzlos gemacht.

Die Durchschnittsbürger genießen nicht einmal mehr die sozialistischen “Segnungen”, die in der Sowjetzeit zwar alles andere, als auf der Höhe der Zeit waren, die aber wenig kosteten und fast allen (ausgenommen natürlich die “Feinde des Systems”) offen standen.

Es klafft seitdem in den ehemaligen sozialistischen Volksgemeinschaften, anders als im Westen, eine schmerzliche Lücke im Sozial- und Wirtschaftsgefüge.

Diese Lücke behindert die Kohäsion zwischen den “alten” und den “neuen” EU-Ländern und deren gedeihliche Fortentwicklung (= die EU-Konvergenz und Kohäsion).

Volksgemeinschaften, die nicht entschieden auf das Schließen dieser Lücke hinarbeiten, distanzieren sich – meist unbewusst, aber durchaus effektiv - von den Grundwerten der Gemeinschaft und untergraben damit deren Gesamtgefüge.

Die Lücke schafft bürgerfeindlichen, auf rasche und umfassende Bereicherung abzielenden Elementen Freiraum, nicht zuletzt in den sog. Reformländern, die baltische Region durchaus eingeschlossen.

Das Genossenschaftssystem aber ist (neben ähnlich ausgerichteten kommunalen Einrichtungen – die im Osten allerdings heute ebenso wenig vorhanden sind) die am besten geeignete und in früheren Krisenzeiten erprobte Modalität zur Vervollständigung der Sozialund Wirtschaftsstrukturen und damit des besseren Zuganges, auch der weniger Bemittelten zu materiellen und immateriellen Produkten des Marktes.

Bei der Erweiterung der EU nach Osten ging man davon aus, dass bald und ohne weiteres Zutun die Grundwerte der Union dort wieder Wurzeln schlagen würden und die Wirtschaftsdemokratie – sprich: Genossenschaften und kommunale Bürgereinrichtungen – in kurzer Frist wiedererstehen würde.

Doch weit gefehlt, die Zerstörung des Früheren war vollständig. Das Archivierte wurde allenfalls als Material für Historiker, ohne Nutzen für die Gegenwart, betrachtet. Diese Fehleinschätzung zu korrigieren, erfordert Engagement, das sich aber lohnt, zum eigenen Wohlergehen, zur Gesundung des Heimatlandes und zur Sicherung der Zukunft aller EUBürger.

Ähnlich verhält es sich beim Aufbau der Verteidigungslinien (= NATO) gegen Bedrohungen von jenseits der EU-Grenzen. Auch hier steht alles unter der Prämisse des Vorhandenseins traditioneller demokratischer Gesellschaftsstrukturen. Die beschriebene Lücke bewirkt, dass auch den militärischen Schutzstrukturen noch weitgehend das Fundament fehlt.

 

● LEHREN AUS FEHLENTWICKLUNGEN – OST-WEST-RÜCKKOPPLUNG 

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den baltischen Ländern auf dem Gebiet der Wiedererweckung der Genossenschaftsidee würde keineswegs nur für die baltischen Länder von Nutzen sein, sondern könnte darüber hinaus im Westen (Deutschland und anderswo) einen heilsamen Prozess der Rückbesinnung auf die Grundanliegen der Genossenschaftsidee und ihre Sicherung ingang setzen.

Die Traditionen und Werte des Genossenschaftswesens haben im Baltikum “tiefgefroren“ - (d.h. in den Archiven) im 1939 erreichten Zustand überlebt.

Das Überlieferte (Stand: Ende der Unabhängigkeit der baltischen Länder zu Beginn des Zweiten Weltkrieges) ist damit weder vom sowjetischem Staats-Kollektivismus infiziert, noch von der nationalsozialistischen Gleichschaltung und deren Fortwirkungen.

Durch enge Ost-West Zusammenarbeit kann einem Neustart – sowohl im Osten, als auch im Westen - ohne das europäische Genossenschaftswesen behindernde Lasten der Weg gebahnt und dem Fehlverhalten der “untreuen Treuhänder der Genossenschaftsidee” Einhalt geboten werden, was allen in der EU zugute käme.

Die beschriebene Rückkopplung in den Westen könnte etablierten Autoritäten im Westen durchaus mißfallen. Dennoch würden sie sich der Herausforderung stellen müssen.

 

● WIEDERAUFBAU DES BÜRGERTUMS ALS GEMEINSCHAFTSWERK

Die “Junge Generation” hat es durch Mitarbeit beim Wiederaufbau des baltischen Genossenschaftswesens in der Hand, Europa solidarisch zukunftssicher voranzubringen.

Der Umstand, dass die baltischen Länder im Vergleich zu den mitteleuropäischen relativ wenige Einwohner haben, ist eher ein Vorteil Letzteren gegenüber. In den kleinen baltischen Staaten können schon kleine Gruppen Entschlossener viel bewirken. In den großen Ländern im Wesen würden Initiativen der angeregten Art bald versickern.

Die baltischen Regionen haben zudem einen historischen Vorteil, weil sie das Scharnier zwischen dem in den Orientierungen zersplitterten Westen und dem sich monolithisch gebärenden Osten des europäischen Kontinents sind. Die Balten kennen beide Seiten, weil sie in ihnen verankert sind – das war gestern so, das setzt sich bis heute fort und wird bestimmt auch morgen so sein.

Auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gingen die deutschen Kulturgemeinschaften in diesen Ländern, von einem Tag zum anderen, unter und damit fielen auch deren Vernetzungen auseinander, zu denen, an vorderer Stelle, die bürgerlichen Assoziationen gehörten, insbesondere die Genossenschaften.

(Eine andere der nach dem Ersten Weltkrieg in den neuen baltischen Staaten eingerichteten Kulturgemeinschaften, eine, die seit eh und je mit der deutschen verworben war, wurde damals in den Abgrund gerissen, wobei alle ihre Angehörigen – bis auf ganz wenige Ausnahmen – umkamen, so dass es so gut wie keine Nachgeborenen gibt, die sich am Wiederaufbau beteiligen könnten - es ist die jüdische.)

Das deutsche Kulturelement war, über Jahrhunderte, eine tragende, vielleicht sogar die stärkste Säule des Bürgertums in der baltischen Region. Die nahezu vollständige Auswanderung der Deutschstämmigen, gleich zu Anfang, im weiteren Verlauf, insbesondere aber am Ende des Zweiten Weltkrieges, liess die anderen nationalen Kulturgemeinschaften völlig entkräftet zurück. Allein gelassen konnten sie nicht gegenüber den Aggressoren bestehen.

Die organisierten Deutschbalten sollten, im Schulterschluss mit den in der “alten Heimat” Ansässigen, die archivierten Kulturdenkmäler daraufhin untersuchen, was für die Fortentwicklung jedes der baltischen Länder und jedes anderen Gliedes der EU – stets mit einem kritischen Blick auf Deutschland - bedeutend ist und was man in eine moderne Wirtschaftsverfassung dieses Kontinents integrieren könnte und sollte.

Dafür sind die heutigen Bürger der baltischen Länder, ebenso wie diejenigen, die dort ihre familiären Wurzeln dort haben - europaweit besonders geeignet, denn alle diese gehören seit Urzeiten zu einem engenVerbund.

Das von den Gewalttätern in der jüngeren Vergangenheit Angerichtete kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es kann aber effektiv repariert werden, weil das Baumaterial – das Überlieferte – (in den Archiven) noch vorhanden ist.

Gemeinschaftlich können die Angesprochenen Europa, d.h. die EU und das Europa jenseits der EU-Grenzen, voran bringen.

Das, was im Baltikum in diesem Sinne bewerkstelligt wird, dürfte weltweit Beobachtung finden.

Es würde Beitrag zur Völkerverständigung und die Beförderung des gesellschaftlichen Friedens verstanden werden und, früher oder später, Nachahmer finden. 

Als Sofortmaßnahme wird Beratung in jedem der baltischen Staaten über das Schaffen des rechtlichen Rahmenwerks für Genossenschaften auf der Grundlage der Überlieferungen vorgeschlagen.

Dies erfordert vertrauliche Zusammenarbeit zwischen Staat und organisierter Bürgerschaft. 

Allen voran sollten Deutsch-Balten und Partner in den baltischen Ländern kooperativ (d.h. genossenschaftlich im Sinne der beschriebenen Vorschläge) die Herausforderung annehmen, bei diesem Prozess eine starke und dauerhafte Rolle zu spielen.

Die Partner in Estland, Lettland und Litauen würden der deutschen Seite die Arbeit wesentlich erleichtern, wenn sie die Wiederaufbau-Initiativen untereinander koordinieren.

Gleichzeitig würden sie auf diese Weise ein starles Zeichen für grenzüberschreitende Nachbarnkooperation unter EU-Mitgliedern setzen.