VERSCHIEDENE ENTWICKLUNGSWEGE ESTLANDS UND LETTLANDS, DER NACHFOLGERSTAATEN LIVLANDS, ALT-ESTLANDS UND KURLANDS IM LÄNDLICHEN RAUM

Die Vielzahl der Genossenschsfts- und Stadtbanken in den balitischen Ländern Estland und Lettland beweist deren OMNIPRÄSENZ und deren LOKALE bzw. regionale VERANKERUNG.

Die, gegenüber Estland, geringere Zahl von Genossenschaftsbanken in LETTLAND ist wohl wie folgt zu erklären:
- Aufgrund der Wirtschaftskriese der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Konzentrationsprozess im Genossenschaftswesen in Lettland weiter fortgeschritten, als in Estland.
- Die estnischen Genossenschaftsbanken wurden zu Hauptagenturen für die Vergabe von Subventionen zur Überwindung der Krise.

Beim Vergleichen des zu Beginn des Krieges in Estland, bzw. in Lettland, Vorhandenen zeigt sich Folgendes:

Die Ähnlichkeit mit dem, was in Deutschland, einst und noch jetzt, vorhanden ist oder war, ist frappant. Es gab in beiden baltischen Ländern landwirtschaftliche, gewerbliche und im Dienst von anderen mittelständischen Gruppierungen (z.B. Grundeigentümer; Textilindustrie) stehende Genossenschaftsbanken bzw. Kreditinstitute auf Gegenseitigkeit, neben Stadtbanken.

Es zeigen sich aber auch Unterschiede, die aber eher durch die kriegerische Beendigung der Entwicklung im Baltikum bedingt sind, als dass sie fundamental wären.

Die Unterschiede im einzelnen:

Estland weist eine (gegenüber Lettland am Ende der Friedenszeit) eine recht grosse Zahl von, meist örtlichen, Genossenschaftsbanken auf. Es dürfte sich dabei um eine Mischung von geschlossenen Instituten (wie sie in etwa dem nach der Wende von Estland und Lettland – ebenso wie von anderen Reformländern – aus Nordamerika importierten, noch heute – allerdings mit geringem Erfolg – praktizierten Modell entsprechen) und solchen, die offen (für jedweden Passiv- oder Aktivkunden sind und die denen Deutschlands, früher und jetzt, ähneln). Anders als in Lettland, wurde der – bei friedlicher Weiterentwicklung – den Zeitumständen gemäße Konzentrationsprozess noch nicht stark um sich gegriffen.

Lettland war zu Kriegsbeginn einen gewissen – nicht unbedingt qualitativ besseren – Schritt voraus. Eine große Zahl von genossenschaftlichen Banken hatten zu diesem Zeitpunkt fusioniert oder sich in allgemeine Geschäfts-Aktienbanken (mit Vorzugskundschaft) umgewandelt.
Die beiden benutzten Quellen erheben zudem nicht auf völlig identische Weise. Die lettische Statistik scheint die (wohl meist geschlossenen) Spar- und Darlehensvereine auf Gegenseitigkeit ohne Bankbetriebserlaubnis nicht erfasst zu haben. Ihre Zahl dürfte aber erheblich gewesen sein.

Diese Aufzeichnung demonstriert die noch immer vorhandene, die ENTWICKLUNG des Landes und damit das GEDEIHEN DER EU BEHINDERNDE LÜCKE IN DER WIRTSCHAFTSSTRUKTUR.

Ein Aufbau genossenschaftlicher oder vergleichbarer Strukturen wäre KEIN NEUANFANG AUS DEM NICHTS. Die in den Archiven vorhandenen Dokumentationen bieten Hilfe. Das Aufgezeichnete ist keineswegs überholt, wie ein Vergleich des in der baltischen Region Vorhandenen mit dem zeigt, was im Westen der EU (vor allem in Deutschland) noch heute praktiziert wird.

Das im Westen bei vergleichbaren Einrichtungen vorhandene KNOW-HOW kann ohne bedeutenden finanziellen Aufwand nutzbar gemacht werden.

Allerdings ist NICHT zu erwarten, dass westliche "natürliche" Partner den baltischen Bürgern die AUFBAUARBEIT ABNEHMEN, schon gar NICHT GELD zur Verfügung stellen.

Besonders hervorhebenswert beim Vergleich der Entwicklung der bürgerlichen Selbsthilfe in Deutschland und in der baltischen Region:

Bei Kriegsbeginn, als in Deutschland bereits lange zuvor die Nationalsozialisten die überkommenen Einrichtungen der autonomen wirtschaftlichen Selbsthilfe (vor allem aber die Organpersonen und die Mitglieder) "gleichgeschaltet" hatten, wirkten diese weiterhin im traditionellen Sinne.

(Als Beispiel für den Unterschied zu Deutschland zu jener Zeit: Es gab in Estland Genossenschaftsbanken jüdischer Bürger und solche der deutschsprachigen)

Die Kriegsereignisse ließen diese juristischen Personen "tief gefrieren"; sie können - entschiedenes Handeln von vorwärts schauenden Bürgern vorausgesetzt - "aufgetaut" und reaktiviert werden.

Die wiederbelebten Einrichtungen wären - anders als die vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland - nicht von den Perversionen des Nationalsozialismus, die teilweise noch bis heute fortwirken - infiziert.

Ein Neuanfang im Baltikum wäre näher an den Urspruingsideen als das, was heute in Deutschland gang und gäbe ist.

Dies könnte eine wünschenswerte Rückkopplung nach Deutschland - mit dem Ziel der Rückorientierung an deren grundlegenden Mandaten - in die Wege leiten.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe für die fehlende Bereitschaft der deutschen Träger der wirtschaftlichen Selbsthilfe beim Wiedereinrichten der Selbsthilfewirtschaft in den EU-Ländern im Osten.



Eine für die Kapitalausstattung (und damijt für die Lizenzierung als allgemeine Banken) zentrale Frage drängt sich auf, die hier nur angerissen werden kann:

Wie steht es mit den VERMÖGENSWERTEN der bei Beginn des Zweiten Weltkrieges geschlossenen Institute?



Eine Überlegung:

Die Institute wurden mit der Schließung und mit der Entmachtung (bzw. der Tötung, der Verschleppung, der Flucht ihrer Organpersonen) handlungsunfähig.
Doch sind sie deshalb nicht untergegangen. Dazu hätte es eines durch die Rechtsordnung (im heutigen und im Vorkriegssinne) gedeckten Rechtsaktes bedurft.
Solche Akte fehlen aber. Die aufgelisteten Institute existieren demnach formal weiter. Sie könnten (mit Hilfe dafür geegneter Akte) reaktiviert werden.
Soweit die Erkenntnisse reichen, fanden bei der Schließpung keine Konfiskationen der Liegenschaften statt. Die Besatzungsbehörde ging wohl - irrütmlich - davon aus, dass die Liegenschaften herrenlos geworden sei. Dieser Meinung folgten diejenigen, die nach der politischen Wende über die Anwesen verfügten.
Es konnten wohl neue Nutzer eingewiesen werden, doch blieb das Eigentum der "ruhenden" Institute unberührt.
Wenn das so ist, müßten (von neu ernannten Organpersonen reaktivierter Genossenschaftsbanken verfolgte) Ansprüche auf Rückerstattung der vollen Verfügungsgewalt aussichtsreich sein.
Die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Nutzern und mit denjenigen, die Nutzungsrechte übertrugen, wäre zweitrangig.
Gesetzliche Fristen zum Geltendmachen von Resitutionsansprüchen würden nicht veräumt sein, weil keine Konfiskation des Grundeigentums stattgefunden hat.
Der gesunden Entwicklung der nationalen Gessellschaften und Volkswirtschaften wäre es am ehesten dienlich, wenn die Rückübertragungen gebündelt würden.
Das würde zum einen nicht nur eher erfolgverprechend sein, als von einzelnen der Alt-Institute; es wäre auf die erwähnte Weise eher Gemeinschaftsnutzen zu erzielen, vor allem, wenn die rückerstatteten Werte an eine Gemeinschaftseinrichtung gehen, etwa einen (autonomen, von den Bürgern getragenen) Nationalfonds für Wertschöpfung. Das Ingangsetzen dieses Mechanismus sollte der Staat unterstützen.