WIRTSCHAFTLICHE SELBSTHILFE - SCHLÜSSEL NATIONALEN ÜBERLEBENS

DIE MIT DEN HEIMISCHEN VERHÄLTNISSEN UNZUFRIEDENEN LEISTUNGSFÄHIGEN EU-BÜRGER VOM OSTRAND DER OSTSEE - POLEN, LITAUER, LETTEN, ESTEN - STEHEN VOR EINEM DILEMMA:

SIE KÖNNEN DIE HEIMAT - HAUS, HOF, FAMILIE, FREUNDE UND ALLES VERTRAUTE - HINTER SICH LASSEN, UM ZU VERSUCHEN, IM WESTEN EIN BESSERES EINKOMMEN ZU ERKÄMPFEN

ODER

SIE ÜBERWINDEN MISSTRAUEN UND VORBEHALTEN GEGEN KOOPERATION UND VERBÜNDEN SICH MIT ANDEREN MIT DEM ZIEL, IHNEN UND DER VOLKSGEMEINSCHAFT DIENENDE, VON DER BÜRGERSCHAFT GESTEUERTE EINRICHTUNGEN DER WIRTSCHAFTLICHEN SELBSTHILFE WIEDER EINZURICHTEN; WIE SIE BIS ZUM ZWEITEN WELTKRIEG IN IHREN HEIMATLÄNDERN ERFOLGREICH ARBEITETEN.

Wer auswandert, geht in eine unsichere Zukunft. Das Zurückgelassene hat ihn nicht zufrieden gestellt, er ist damit aber bislang zurecht gekommen, vielleicht, weil Familie und Selbstversorgung ihm halfen.

In der Heimat findet er beim Staat keine Hilfe und noch weniger bei den nur auf eigenen Profit abzielenden Finanzinstituten.

In weit schwierigeren, als den heutigen Zeiten, etwa in der von Krisen geprägten Periode zwischen den beiden Weltkriegen halfen ererbte Verhaltensweisen und Strukturen den Bürgern, sich, ihre Familien und die Volksgemeinschaft nicht nur zu erhalten, sondern voran zu bringen.

Dies war im Wesentlichen das Verdienst von bürgerlichen Assoziationen getragene Einrichtungen, an erster Stelle genossenschaftliche Kreditinstitute und die ihnen ähnlichen Wirtschaftsvereine auf Gegenseitigkeit, Spar- und Darlehensvereine und Versicherungen.

Diese blieben von den negativen Entwicklungen jener Zeit nicht unberührt. Einige brachen zusammen. Aber die Mehrzahl kam vor allem deshalb über die Runden, weil sie sich - wie anderswo im Westen Europas, vor allem wie in Deutschland - eine wirksame Selbstkontrolle einführten, wofür die Landesregierungen in allen drei baltischen Ländern die erforderlichen gesetzlichen Regeln und administrative Vorkehrungen bereitstellten.

Die Selbstkontrolle lag in der Hand von Revisionsverbänden (in ESTLAND etwa die GENOSSENSCHAFTSKAMMER9, deren Funktion derjenigen der in Deutschland bis heute üblichen und Verbandsprüfung entsprachen.

Hätte es die Verbandsprüfung bei Deutschlands Genossenschafts-Kreditinstituten und Sparkassen nicht gegeben, wären die Folgen der letzten Bankenkrise in Deutschland verheerend gewesen, höchstwahrscheinlich noch weit verheerender als etwa in den USA.

Nicht die diesen Unternehmungen eigene Ethik und Orientierung hat sie gerettet, sondern das strikte Festhalten an der ihnen eigenen Selbstkontrolle, die deren Manager nicht selten als hinderlich empfanden und die sie, wenn sie es gekonnt hätten, gern ausgehebelt hätten.

Da, wo es möglich war, ereigneten sich in der Krise Zusammenbrüche. Ein überzeugendes Beispiel sind die Fehlentwicklungen bei den Landesbanken, an denen die Sparkassen, neben den deutschen Bundesländern, maßgeblich beteiligt sind.

Lange wurde die Illusion gehegt, die Mitwirkung des Staates sei ausreichende Bestandsgarantie und die Landesbanken könnten sich alle diejenigen Freiheiten - vor allem im internationalen Geschäft, das ihnen übertragen wurde - erlauben, die die Banken des anglo-amerikanischen Vorbildes ausnutzten.

Überlebenshilfen des Staates griffen zu kurz. Die Zusammenbrüche hatten keine nationale Katastrophe zur Folge, weil die - wegen der strikten, in die Tiefe gehenden, mit der Staatsaufsicht Hand in Hand arbeitenden Verbandsprüfung - stabil genug gebliebenen Sparkassen den Schaden auffangen konnten.

Die Sparkassengruppe hätte es besser wissen müssen und sich dafür einsetzen müssen, die Landesbanken ebenfalls der für die Sparkassen geltenden Selbstkontrolle zu unterwerfen.

Das Versäumnis erklärt, warum die Sparkassen ungern auf dieses Faktum angesprochen werden und zugleich, warum sie die Verbandsprüfung nicht propagieren.

Die deutschen Genossenschaftsbanken werben derzeit ebenso wenig mit der, derjenigen der Sparkassen durchaus vergleichbaren, Selbstkontrolle, allerdings aus anderen Gründen. Sie sind international kaum präsent. Ihr Selbstbeschränkung auf ihr jeweiliges regionales, personales oder institutionelles Umfeld hält sie von den Risiken fern, denen sich die Gruppe Bundesländer-Sparkassen-Landesbanken aussetzte.

Die Schwierigkeiten, denen sich die letztgenannte Gruppe aussetzte, sind ein wertvolles Lehrobjekt für die noch immer in der Transformation begriffenen Finanzstrukturen in den neuen EU-Ländern, nicht zuletzt für diejenigen in den baltischen Ländern.

Sollten sich die beiden genannten Gruppen, die Träger des für den Wiederaufbau im Osten erforderlichen Wissens und Könnens sind - aus welchen Gründen auch immer - einer Aufbau-Partnerschaft verweigern, können alternative Zugangswege zum know-how erschlossen werden. Die STIFTUNG LIVLÄNDISCHE GEMEINNÜTZIGE kann dabei helfen.

Vollständig und ausgewogen wird das Finanzwesen in Litauen, Lettland und Estland erst sein, wenn es dort - wieder - genossenschaftliche Finanzeinrichtungen und/oder solche auf Gegenseitigkeit und/oder Sparkassen in der Trägerschaft von Gebietskörperschaften oder in anderer (z.B. Aktiengesellschaften mit gemeinnütziger Ausrichtung) gibt.

Eine Rückkehr zu dem, was dort bis zum Zweiten Weltkrieg überall präsent und sehr erfolgreich war, ist ebenso geboten, wie die Rückkehr zum unerlässlichen Schutz durch Selbstkontrolle, die effektiver wirkt, als Staatsaufsicht je sein kann und die stets mit Beratung zur Überwindung von Problemen und zu besserem Dienst an den Zielgruppen und der Volksgemeinschaft verbunden sein muss.

Angesichts der geringen Grösse der einzelnen Volkswirtschaften der baltischen Länder und dem in allen dreien bestehenden dringenden Bedarf an gemeinwesen-orientierten Finanzeinrichtungen ist ein gemeinsames (das heisst, zumindest von Lettland und Estland, am besten auch unter Einschluss von Litauen), grenzüberschreitendes Vorgehen dringend geboten. Nationalistische Eigenbröteleien schaden allen.

Ein Neuanfang aus dem Nichts ist entbehrlich, denn zum einen gab es Finanzeinrichtungen gemeinschaftsfördernder Orientierung bis zu deren Untergang im Zweiten Weltkrieg überall im Baltikum. Zum anderen bestanden seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Estland die Revision durch die Genossenschaftskammer, in Lettland die Revisionsverbände der deutschen Genossenschaften, des Verbandes der Kreditgenossenschaften von Lettgallen und desjenigen der jüdischen Kreditgenossenschaften, sowie in Litauen in Händen des Zentralverbandes der Genossenschaften Litauens und, vor allem, des Verbandes der jüdischen Volksbanken bzw. der Jüdischen Zentralbank.